Onsen-Ei (63-Grad-Ei): der Temperatur-Trick fürs perfekte Ei

Beim Onsen-Ei ist alles auf den Kopf gestellt: das Eigelb wird cremig fest, das Eiweiß bleibt seidig weich. Möglich macht das nicht die Uhr, sondern das Thermometer, denn hier zählt eine konstante Temperatur von rund 63 bis 65 °C. Dieser Ratgeber zeigt das Rezept mit und ohne Sous-vide und erklärt die Physik dahinter.

65°
Onsen-Ei: cremig festes Eigelb, seidig weiches Eiweiß, gegart bei rund 65 °C.

Das Onsen-Ei (japanisch Onsen Tamago, „heiße-Quelle-Ei“) verdankt seinen Namen den vulkanischen heißen Quellen Japans: In deren rund 65 °C warmem Wasser ließ man Eier traditionell langsam garen. Im Deutschen heißt es auch Stundenei oder, nach der Zieltemperatur, 63-Grad-Ei.

Was ist ein Onsen-Ei?

Ein Onsen-Ei ist ein Ei, das langsam bei niedriger Temperatur in der Schale gart. Das Eigelb wird dabei cremig fest, fast puddingartig, während das Eiweiß nur zart stockt und seidig, leicht schlierig bleibt. Genau umgekehrt also zum weichen Frühstücksei, bei dem das Eiweiß fest ist und der Dotter flüssig.

Serviert wird es klassisch aufgeschlagen in einer Schale, übergossen mit einem leichten Sud aus Dashi und Sojasauce.

Die Physik: Warum ausgerechnet 63 °C?

Der Trick beruht darauf, dass Eiklar und Eigelb bei unterschiedlichen Temperaturen gerinnen. Vereinfacht gilt:

Hält man das Ei nun konstant im schmalen Fenster von rund 63 bis 65 °C, passiert genau das Gewünschte: Das Eigelb erreicht seine Geliertemperatur und wird cremig fest, das Eiweiß dagegen stockt nur zart und bleibt weich. Steigt die Temperatur über etwa 68 °C, stockt auch das Eiweiß durch, und der Effekt ist dahin.

Deshalb zählt hier die Temperatur, nicht die Uhr. Beim normalen Kochen im 100 °C heißen Wasser entscheidet die Sekunde, weil die Hitze schnell nach innen wandert. Beim Onsen-Ei nähert sich das ganze Ei langsam der Wassertemperatur an und bleibt dann dort, ein paar Minuten mehr oder weniger ändern kaum etwas. Mehr dazu im Ratgeber Bei welcher Temperatur stockt das Ei?

Onsen-Ei vs. weiches Ei

Vergleich von Onsen-Ei, weichem Frühstücksei und pochiertem Ei
Merkmal Onsen-Ei Weiches Ei Pochiertes Ei
Wassertemperatur~63–65 °C100 °C~75–80 °C
Zeit~45–60 Min.~4–5 Min.~3–4 Min.
Eiweißseidig weichfestfest
Eigelbcremig festflüssigflüssig
In der Schalejajanein

Für das klassische weiche oder harte Ei im 100 °C heißen Wasser berechnet die Eieruhr die Zeit auf die Sekunde, nach Größe, Temperatur und Höhenlage. Das Onsen-Ei ist die geduldige Alternative für alle, die ein Thermometer haben.

Methoden: mit und ohne Sous-vide

Entscheidend ist nur, das Wasser konstant bei rund 63 bis 65 °C zu halten. Dafür gibt es drei Möglichkeiten:

Tipp: Eier möglichst mit Zimmertemperatur verwenden, dann ist die Kerntemperatur gleichmäßiger. Kalte Eier aus dem Kühlschrank brauchen etwas länger, bis sie die Wassertemperatur erreichen.

Schritt für Schritt

  1. Wasser temperieren

    Wasser auf rund 63 bis 65 °C bringen und diese Temperatur stabil halten, per Sous-vide-Stab, Thermometer oder Thermoskanne.

  2. Eier einlegen

    Vier Eier mit Zimmertemperatur vorsichtig ins Wasser geben, sodass sie ganz bedeckt sind.

  3. 45 bis 60 Minuten garen

    Bei gleichbleibender Temperatur garen. Nach 45 Minuten ist das Eigelb cremig, wer es etwas fester mag, wartet bis 60 Minuten.

  4. Sud vorbereiten

    Dashi, Sojasauce und Mirin verrühren und leicht erwärmen. Das gibt dem milden Ei die herzhafte Umami-Note.

  5. Aufschlagen & servieren

    Das Ei am stumpfen Ende aufschlagen und in eine Schale gleiten lassen. Warmen Sud angießen, mit Frühlingszwiebeln bestreuen.

Servieren

In Japan kommt das Onsen-Ei meist pur in eine kleine Schale, übergossen mit Dashi-Sojasud und bestreut mit Frühlingszwiebeln, Bonitoflocken oder etwas geriebenem Rettich. Genauso gut macht es sich als samtiges Topping:

Wer marinierte Eier mag, findet im Rezept für Ramen-Eier (Ajitsuke Tamago) die passende Ergänzung. Und die klassischen Kochzeiten liefert die Eieruhr.

Häufige Fragen

Was ist ein Onsen-Ei?

Ein langsam bei niedriger Temperatur gegartes Ei mit cremig festem Eigelb und seidig weichem Eiweiß, also genau umgekehrt zum weichen Frühstücksei. Der Name kommt von den rund 65 °C warmen heißen Quellen (Onsen) Japans.

Bei welcher Temperatur macht man ein Onsen-Ei?

Bei etwa 63 bis 65 °C. In diesem Fenster wird das Eigelb cremig fest und das Eiweiß bleibt weich. Über rund 68 °C stockt auch das Eiweiß durch.

Wie lange muss ein Onsen-Ei garen?

Bei konstant 63 bis 65 °C etwa 45 bis 60 Minuten. Die konstante Temperatur ist hier wichtiger als die genaue Zeit.

Warum wird das Eigelb fest und das Eiweiß bleibt weich?

Weil beide bei unterschiedlichen Temperaturen gerinnen. Das Eigelb setzt sich ab rund 65 °C, das Eiweiß wird erst bei deutlich höherer Temperatur richtig fest. Bei konstant 65 °C stockt daher nur der Dotter cremig, das Eiweiß bleibt zart.

Geht das auch ohne Sous-vide-Gerät?

Ja. Mit einem Küchenthermometer im Topf oder mit einer Thermoskanne, die man mit rund 68 bis 70 °C heißem Wasser füllt. Beides ist etwas weniger präzise, funktioniert aber.

Was ist der Unterschied zum pochierten Ei?

Ein pochiertes Ei gart ohne Schale kurz in 75 bis 80 °C heißem Wasser, das Eiweiß wird fest, der Dotter bleibt flüssig. Das Onsen-Ei gart lange in der Schale bei rund 65 °C, mit cremigem Dotter und weichem Eiweiß.

Quellen

  1. Wikipedia: Onsen-Ei (Onsen Tamago)
  2. tastybits: Das perfekte Onsen-Ei garen
  3. essen & trinken: Onsen-Ei Rezept
  4. Charles D. H. Williams (University of Exeter): Boiling an egg (Kochzeit-Physik)